„Gänsehaut in der Kreuzkirche“ | Weihnachtsoratorium 4-6 am 10.01.2026
14. Januar 2026
„Weihnachtenist nicht vorbei. Die Aufführung des zweiten Teils, der Kantaten 4-6, des Bach-Weihnachtsoratoriums in der Kreuzkirche, mit Lichterbäumen und den schwungvoll nach oben aufsteigenden weißen Herrenhutern im Altarraum, erinnerte am Samstag wie jedes Jahr daran.
Nicht nur, weil in vielen Kirchen die Bäume bis zum Lichtmesstag am 2. Februar stehen bleiben, sondern weil die Botschaft weiterträgt. Gott ist Mensch geworden. „Jesus hat sich mir ergeben… soll mir immerfort vor meinen Augen schweben.“
Bachs Vertonung der Namensgebung Jesu und Ankunft der Weisen, die Herodes und damit alle Machtgierigen vorführt, ist bei weitem nicht so populär und eingängig wie die ersten drei Kantaten. Aber sie sind musikalisch um manches raffinierter und vielschichtiger.
Allein der Aufbau der 6. Kantate, die diese wundervolle Echo-Arie im Zentrum hat, bei der Knabensopran (Fritz Hedrich) und zweite Oboe von den Emporen Antwort geben. Eingerahmt ist sie von Bassarien, die unmittelbar mit dem reflektierenden Choral verwoben sind.

Die Dankbarkeit für das Geschenk der Heiligen Nacht führt direkt zum guten Tun des Hörenden. „Ich will nur dir zu Ehren leben…“ Zur Tenorarie brillierten Eva Dollfuss und Brieuc Vourch als mitreißende Soloviolinen.
Bewegend ist auch, wie Bach den hinterlistigen Wunsch des Herodes, der dem Kind nach dem Leben trachtet, zunächst mit einer hochdramatischen, entrüsteten Sopranarie beantwortet, dann aber in einem zu Herzen gehenden, ganz ohne Instrumente vom Chor vorgetragenen Choral kontrastiert: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Das sind Gänsehautmomente.
Das waren auch am Samstagnachmittag beeindruckende Höhepunkte einer Aufführung, die ansonsten nicht die erwartete Spitzenqualität erreichte.
Weder das Solistenquartett mit Joanne Lunn, Britta Schwarz, Michael Mogel und Hendryk Böhm noch die Interpretation durch Kreuzkantor Martin Lehmann konnten durchgehend überzeugen. Schade, denn Teil zwei des Weihnachtsoratoriums ist kein Massenevent, sondern erreicht die, die genau hinhören.“
Jens Daniel Schubert | 12.01.2026 | SZ Feuilleton | „Gänsehaut in der Kreuzkirche“

Kreuzchor schließt Bachs Weihnachtsoratorium ab
„Am Sonnabend gingen in der Kreuzkirche mit den Kantaten IV bis VI aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium die Andachten und Aufführungen der Weihnachtszeit zu Ende – einen Nachklang wird es bis zur Kreuzvesper zu Lichtmess am 31. Januar noch geben. Wobei dies – schließlich ist Weihnachten das Fest der Geburt Christi – einen Anfang im Ganzen darstellte.
Zwischen Dankbarkeit („Fallt mit Danken, fallt mit Loben“) und der Gewissheit froher Aussicht („Nun seid ihr wohlgerochen“) spannten die drei Kantaten noch einmal auf, was zum Grundstein des Christentums führte. Kreuzkantor Martin Lehmann hatte den Chor dafür wieder in Form gebracht oder hat die Form gehalten, wie man wohl sagen kann, vom Gesamteindruck bis zum Solo des Echosoprans (Kruzianer Fritz Hedrich). Der Kreuzchor schien dabei noch einmal fokussierter, nicht zuletzt wegen der Aufstellung der Stimmen.

Die Soprane, die als Choral dem Rezitativ „Immanuel, oh süßes Wort!“ gegenüberstehen, sorgten im räumlichen Zentrum der Bühne für einen geschlossenen, starken Eindruck, bewahrten sich dennoch den schlanken Klang.
Überhaupt kamen wesentliche Botschaften und durch Affekte unterstrichene Mitteilungen erneut vom Kreuzchor, der dabei einen souveränen, unaufgeregten, um kein Jota artifiziellen Eindruck vermittelte. Gerade diese Ausstrahlung von Licht und Ruhe vermittelte noch einmal das Weihnachtswunder, bei dem der Choral „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“ erneut zum Mittel- und Höhepunkt geriet. Gerade weil er (wie zuletzt) a cappella vorgetragen war, überragte er noch die instrumental ausstaffierten Chorteile. Da hätte Martin Lehmann den folgenden Evangelistentext gar nicht so zügig anschließen sollen.

Dagegen schienen die Solisten diesmal gebremst oder nicht auf der Höhe. Am besten trat noch Altistin Britta Schwarz hervor, die im Terzett mühelos gegen Sopran und Tenor bestand – ihr „Schweigt!“ schien beinahe ultimativ. In der makellosen Verständlichkeit gab es bei ihr keine Abstriche, dennoch war eine Minderung des Glanzes gegenüber ihrer Normalform spürbar. Oder war bei dem Quartett „der Wurm“ drin?
Noch einmal an der Krippe versammelt: In den Kantaten IV bis VI des Weihnachtsoratoriums überzeugte neben dem souveränen Kreuzchor vor allem die Dresdner Philharmonie, Abstriche gab es dagegen bei den Solisten.
Henryk Böhm, ebenso gut verständlich, konnte an seine Leitung im Advent, als er für zwei Aufführungen der Kantaten I bis III kurzfristig eingesprungen war, vor allem hinsichtlich der Gestaltung nicht anschließen, auch wenn er im genannten Gegenüber mit den Chorsopranen stark begonnen hatte – später schien er dagegen ein wenig atemlos. Sopranistin Joanne Lunn vermochte wie Tenor Michael Mogl nicht zu überzeugen. Beide klangen vor allem in der Höhe bemüht und ließen eine gestalterische wie teils intonatorische Sicherheit missen. So ging noch mancher Kontrast, wie die Gefahr für das Jesuskind durch Herodes, in Harmlosigkeit verloren.
Dafür waren viele Verläufe durch die Dresdner Philharmonie nicht nur farbig, sondern mit vielen Nuancen illustriert, wie die samtene Auflösung nach den gesungenen Worten „des Todes Furcht“ (Kantate IV), welche die Gefahr instrumental sogleich bannte. Wie gewohnt stellten gerade die Oboen (Johannes Pfeiffer und Isabel Kern) als Duettpartner oder Echo (Isabel Kern als Oboenecho Fritz Hedrich gegenüber auf der Empore) wesentliche und tragfähige Stimmen.

Gegenüber Konzertmeisterin Eva Dollfuß, die das bewährte Ensemble der Philharmonie anführte, war Brieuc Vourch als führende zweite Violine neu dabei. Er bestand nicht nur den stimmlichen Part in der Tenorarie „Ich will nur die zu Ehren leben“ tadellos, sondern bewies zudem die Präsenz eines Stimmführers, der nicht nur eine Orientierung hat, sondern diese ebenso vermitteln kann, vom Eigenanteil des fugierten Duetts mit der Konzertmeisterin zu schweigen.
In Sachen Festlichkeit unterstrichen besonders die Hörner (Kantate IV) mit ihrer weichen Klangfärbung und die Trompeten im Glanz des festlichen Endes (VI) die Wirkung der Weihnachtsbotschaft. Neben dem Krippen-Choral hatten die Trompeten mitgewirkt, den Eingangschor der sechsten Kantate zu einem weiteren Höhepunkt wachsen zu lassen. Am kommenden Sonnabend gestaltet das Vocal Concert Dresden unter der Leitung von Peter Kopp die Kreuzvesper.“
Wolfram Quellmalz | 12.01.2026 | DNN Kultur | „Kreuzchor schließt Bachs Weihnachtsoratorium ab“