Vocal Concert Dresden | „Lichtpunkt aus der Tiefe“ | Vesper am 20. Juni 2026
24. Juni 2026
„Vocal Concert Dresden in der Kreuzvesper. Der dritte Sonntag nach Trinitatis wendet sich Dank, Reue und Sünde zu sowie dem Begleichen von Fehltritten. Peter Kopp hatte für die Kreuzvesper mit dem Vocal Concert Dresden Werke ausgewählt, die sich mit dieser Gerechtigkeit befassen, zunächst mit Kompositionen, die feststellten, innehielten und vergegenwärtigten, bevor eine Bach-Kantate mit ihrer dramaturgischen Überhöhung den zweiten Teil allein bestimmte. Kopp kehrte zu Beginn zu Gottfried August Homilius zurück, zu dessen Renaissance in der Kreuzkirche er erheblich beigetragen hat: Vor zwölf Jahren (300. Geburtstag) hatte der damalige Chordirigent des Kreuzchors ein Homilius-Jahr initiiert, das bis heute nachwirkt.

„Wir liegen für dir mit unserm Gebet“ (HoWV V.30) war kein Rückgriff, sondern ein Beitrag zur Beständigkeit in der Werkpflege. Die Motette vertiefte, wie zunächst alle Werke a cappella, gerade in ihrer Schlichtheit den Zusammenhang vom Ausüben der Gerechtigkeit und der Bitte um Hilfe bzw. Beistand. Die Kraft der Aussage steigerte Carl Heinrich Graun mit einem noch knapperen, aber als Fuge angelegten Text („Selig sind, die zu dem Abendmahl des Lammes berufen sind“).
Vocal Concert Dresden in der Kreuzkirche Dresden
Auch der Name Gustav Adolf Merkel ist mit der Dresdner Kreuzkirche verbunden – Merkel war ab 1840 bis zu seinem Tode 1885 Kreuzorganist. In der Vesper war er unterschiedlich zu erleben: In der Orgelfantasie Nr. 5 d-Moll offenbarte sein aktueller Amtsnachfolger Holger Gehring die musikalische Freizügigkeit und Pracht des Komponisten, seine Motette „Barmherzig und gnädig ist der Herr“ (op. 106, Nr. 1) stand offenbar ganz im Dienst der Andacht, orientierte sich am Volks- und Kirchenlied und geriet noch schlichter als die Werke des Beginns. Willy Burkhards Beitrag zum Kleinen Psalter, „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“ stand ebenso im Geiste eines verhaltenen, zurückgenommenen Gestus und lenkte die Gedanken auf das Besinnen.

Verhandelt wurde auch die Auseinandersetzung mit Sünde bzw. sogar Strafe. Johann Sebastian Bach hatte sie in seine Kantate zum dritten Sonntag nach Trinitatis BWV 135 („Ach Herr, mich armen Sünder“) 1724 in Leipzig eingeschlossen. Nach dem überwiegend schlichten Charakter der Werke des Anfangs glich Bachs Kantate den Bedarf an effektvoller Musik sozusagen mit leichter Hand aus.

Neben einem Instrumentalensemble um Holger Gehring (Orgel), Ulrich May (Oboe) und Cornelia Pfeil (Violine) gesellten sich Kerstin Döring (Alt), Stephan Scherpe (Tenor) und Andreas Scheibner (Bass) zum Vocal Concert – bemerkenswert: Bach verzichtete auf eine Sopransolistin. Dennoch gehört „Ach Herr, mich armen Sünder“ zu den effektvollen Gattungsbeiträgen, schon deshalb, weil sie – im zweiten, also dem Choralkantatenjahrgang des Thomaskantors entstanden – wesentliche Themen und Inhalte prägend verankert. Im Einzelfall hat dieses Vorgehen bzw. die Festlegung auf Choralkantaten Bachs Innovation zwar gebremst, doch das durchschimmernde Thema „Wie soll ich dich empfangen“ (ursprünglich ein weltliches Liebeslied „Mein G’müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart“) lässt heute noch wunderbar assoziieren.

Und doch blieb es am Sonnabend nicht auf den Choral beschränkt. Scherpe gestaltete die „schnellen Fluten“ und den „Schrecken“ im Rezitativ „Ach heile mich, Du Arzt der Seele“ ausgesprochen ausdrucksstark, bevor Scheibner in der Bassarie „Weiches, all ihr Übeltäter“ ausgerechnet mit der dunkelsten Stimme der Vesper die größte Leucht- und Seelenkraft entwickelte.“
23.06.2026 | Wolfram Quellmalz | DNN Kultur | „Lichtpunkt aus der Tiefe“
