
„Eine bewegte Masse“ | Dresdner Orgelspaziergang am 23.08.2025
28. August 2025
„Domorganist Sebastian Freitag, Kreuzorganist Holger Gehring und Frauenkirchenorganist Niklas Jahn luden zum „Orgelspaziergang“ an die Silbermann-, Jehmlich- und Kern-Orgel. Erstaunlich war schon, dass der Ablauf exakt passte. Geradezu minutengenau begannen und endeten die Konzertteile, was in Anbetracht des späten Endes (23.15 Uhr) nicht nur all jene begrüßten, die zu dieser Stunde noch auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen waren. Die drei Organisten präsentierten sich jeweils an jeder Orgel.

Sebastian Freitag eröffnete die Konzerte jeweils mit einem der Choräle von César Franck. Zum Jubiläum 2022 waren sie alle zu hören gewesen – verteilt über das ganze Jahr. Jetzt gab es sie alle an einem Abend, mit dem dritten Choral an der Silbermannorgel, für die er ja eigentlich viel zu neu und modern ist. Doch Sebastian Freitag wagte es „dennoch“, den Zyklus „gerade hier zu vollenden“ und freute sich über die vielen Besucher noch zu so später Stunde. Am Einlass der Frauenkirche hatte es anfangs „ausverkauft“ geheißen, nun zeigte sich, dass – ein bisschen wider die Erwartungen – doch kaum Teilnehmer abgesprungen waren.
Der Orgelspaziergang erwies sich als großer Erfolg.
César Francks Choräle entfalteten sich in der Tat individuell, zunächst mit Andacht, aus der sich der jeweils erdachte Choral (ohne realen Text) kantabel heraushob. Vor allem der zweite (in der Frauenkirche) und erste Choral (Kreuzkirche) münden in hymnische Finalteile, doch auch der dritte bewahrte im rechten Maß seinen Wohlklang in der Hofkirche.

Niklas Jahn begann an der aus dem Elsass stammenden Kern-Orgel in der Frauenkirche einen französisch-sinfonischen Programmteil mit Olivier Messiaen, Eugène Gigout und Louis Vierne, an den Holger Gehring mit weiteren Vierne-Stücken anschloss. Messiaens helle, fast clusterartige Akkorde („Les yeux dans les roues“) flackerten ebenso beeindruckend, wie Gigouts Minuetto eine tänzerische Walzernähe offenbarte. Mit Viernes Toccata aus der Quatrième suite op. 55 setzte Holger Gehring die Licht- und Farbspiele fort, die ebenso kräftige Kontraste wie ein luzides chromatisches Spektrum bargen.
Orgelspaziergang in Dresden
In der Kreuzkirche blieben die Farben erhalten, gewannen aber rhythmische Strukturen hinzu. Etwa mit Guy Bovets „Salamanca“, einem effektvollen Bolero für die Orgel (Niklas Jahn). Bei Franz Liszts Präludium und Fuge über B-A-C-H (Holger Gehring) konnte man wiederum staunen, wie der Komponist, der ja auf der Orgel nur bedingt zu agieren wusste, den Bass ins Manual verlegt hatte.
Niklas Jahn führte im Orgelspaziergang eine seiner Stärken vor, mit denen er auch in den regulären Programmen des Orgelzyklus‘ noch auftreten wird: die Improvisation. Während er in der Kreuzkirche passgenau über Couleurs (Farben) phantasierte, fügte er später an der Silbermann-Orgel Betrachtungen über Verwandlungen („Metamorphose“) an.

Holger Gehring ging vielleicht am weitesten durch die Jahrhunderte, zumindest den Lebensdaten der Komponisten nach. Natürlich durfte Johann Sebastian Bach nicht fehlen, Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 war der krönende Abschluss. Aber (vielleicht) mehr noch entzückte das Kleinod der Choralbearbeitung „Vater unser im Himmelreich“ von Georg Böhm. Böhm war für den jungen Bach wichtig gewesen.“
26.08.2025 | DNN Kultur | Dr. Wolfram Quellmalz | „Eine bewegte Masse“ | Dresdner Orgelspaziergang
