
„Das wird den meisten von Ihnen nicht gefallen“ | Orgelkonzert mit Ludger Lohmann | 2. April 25
3. April 2025
Orgelkonzert mit Ludger Lohmann in der Kreuzkirche: „Den Konzerten des Dresdner Orgelzyklus‘ ist in der Kreuzkirche immer das Gespräch »Unter der Stehlampe« vorangestellt, zu dem Kreuzorganist Holger Gehring jeweils in der Schütz-Kapelle die Gastorganisten empfängt und befragt. Und weil Erläuterungen zu den Stücken jeweils im Programm stehen, sind im Vorgespräch eher die Anekdoten gefragt sowie die Hintergründe. Ludger Lohmann, Organist, Musikwissenschaftler und jahrzehntelang Hochschulprofessor, konnte nicht nur manches zu seinen Lehrern und zur Artikulation auf Tasteninstrumenten (sein Dissertationsthema) beitragen, sondern vertiefte manche Gedanken zu den folgenden Werken noch ein wenig mehr.
Schließlich standen mit Julius Reubke und vor allem Siegfried Reda Komponisten auf dem Programm, deren Orgelwerk kaum bekannt ist (Reubke) oder die an sich für die Besucher noch zu entdecken waren. Zu Siegfried Redas spröder Harmonik, die man vielleicht in der Nachfolge Paul Hindemiths hören kann, sagte Ludger Lohmann, daß er das Stück (Choralfantasie »Herzlich lieb hab ich Dich, o Herr«) für ein sehr, sehr gutes halte, kündigte aber gleich an: »Das wird den meisten von Ihnen nicht gefallen«. Na – so schlimm kam es dann doch nicht.
Ludger Lohmann im Orgelkonzert
Grundsätzlich waren die Werke des Abends jeweils um einen Choraltext gerankt. So hatte sich Felix Mendelssohn mehrfach in seinen Kompositionen auf Choräle bezogen, in seiner dritten Orgelsonate auf »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«. Vor allem dieser Teil (1. Satz) mit dem Choral teils im Baß, während die Manuale in den Oberstimmen die Melodie umspielen, erweckte nicht nur durch den Wechsel, sondern wegen des teils improvisatorischen Charakters einen Eindruck freizügiger Interpretation. Das Andante tranquillo folgte in der Form eines beruhigenden Liedes.
Johann Sebastian Bach hatte im 3. Teil der Clavierübung denselben Choral alio modo – manualiter bearbeitet (BWV 687), wobei auch hier – wohlgemerkt »zur Übung« – der Reiz im Dialog des Chorals und der ihn umspielenden Stimmen lag. Daß Bach es ebenso verstand, noch freizügiger zu sein, bewies die Choralfantasie über »Wo Gott der Herr nicht bei uns hält« (BWV 1128), die erst 2008 (!) wiederentdeckt worden war. Phantasievoll und ausschweifend lockerte dieser Bach die (vergleichsweise) Strenge der vorhergehenden Übung auf.
Ludger Lohmann widerlegte im Orgelkonzert die von ihm selbst unterstellte Erwartung
Doch wurde er in Sachen Freiheit und Freigeistigkeit von der Choralfantasie Siegfried Redas übertroffen, die statt der erwarteten Sprödigkeit vor allem eine offene, freie Harmonik bewies und für einen unerwarteten Eindruck von Licht und Luft sorgte! Reda, der sich mit Zwölftonmusik und Reihen befaßte, hat in seinem Werk Töne nicht allein in Skalen verarbeitet, sondern wie eigenständige Elemente, mit denen er Spielfiguren bildet. Das erinnert teils an viel modernere Werke, etwa Gaudeamus in loci pace von James MacMillan (in der kommenden Spielzeit Residenzkomponist der Dresdner Philharmonie) – Redas Choralfantasie entstand aber mehr als 30 Jahre früher.

Der Eindruck war zumindest beim Rezensenten tief und befriedigend. Abgesehen davon, daß sich die Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche hervorragend zur Darstellung solcher Musik eignet, war sie hier mit Geschmack, Witz und – ja, auch das – stimmiger Artikulation vorgetragen.
Da hatte es Julius Reubkes Sonate c-Moll über den 94. Psalm im Vergleich fast schon schwer. An sich folgt Reubke darin versweise dem Psalmtext, doch hat das mehrteilige, aber einsätzige Werk auch musikalische Eigenständigkeit, die sich jedoch stark und unverkennbar an Franz Liszt orientiert – dessen Sonate h-Moll mag dem jung verstorbenen Reubke eine Inspirationsquelle gewesen sein. Aus der Dunkelheit erwachend durchlief Reubkes Sonate viele Phasen, dennoch wirkten manche erkennbare Parallelen zu Liszt hemmend. Was insofern ein ungerechter Eindruck ist, weil der Komponist gerade einmal 24jährig verstarb und ein Urteil über sein Lebenswerk insofern nicht möglich ist.
Franz Liszt überließ Ludger Lohmann mit der Bearbeitung von Präludium und Fuge »Ich hatte viel Bekümmernis« (aus der Kantate BWV 21) in der Zugabe das Schlusswort.“
3. April 2025, Wolfram Quellmalz, NMB
