Orgelkonzert mit Stiftsorganist Jens Wollenschläger 2026 | „Ein Himmelreich für alle Zeiten“
3. August 2026
Orgelkonzert in der Kreuzkirche Dresden: „Fünfundvierzig Minuten sind für ein Konzert knapp, doch können genügen, die Tür zu einer Welt zu öffnen. Am Sonnabend zog Stiftsorganist Jens Wollenschläger (St. Georg/Tübingen) im Orgelsommer der Kreuzkirche mit einer einzigen Choralmelodie quasi durch die Jahrhunderte. Das lutherische Vaterunser-Lied „Vater unser im Himmelreich“ erklang zwar immer wieder im Rahmen des kurzen, kostenlosen Sommerkonzerts, dennoch entwickelte sich daraus keine einseitige, vielleicht drückende Spannung oder ein Andachtszwang. Ein schönes Beispiel, wie liturgisch gewachsene Musik anregen und ganz unterschiedlich beglücken kann!
Orgelkonzert mit Stiftsorganist Jens Wollenschläger
Die Eröffnung ermöglichte dazu einen Vergleich – Domorganist Sebastian Freitag hatte am Freitag in einem Sonderkonzert sämtliche Orgelsonaten von Felix Mendelssohn gespielt und mit dem geschlossenen Programm Verlauf und Vielfalt der Gattung dargestellt. Darin stand die sechste Sonate in der Mitte, deren erster Satz sich auf Luthers Choral bezieht. Jens Wollenschläger hatte ihn an den Anfang gesetzt und damit für einen ruhigen, zugänglichen Beginn gesorgt. Die romantische Epoche ist für viele die wichtigste innerhalb der Klassik und damit als Eintritt ausgesprochen geeignet, gleichzeitig entwickelt Mendelssohn in seinen Variationen ein vitales Bild, das sich „sostenuto“ nachdrücklich in eine majestätische Klangpracht steigerte.
Stiftsorganist Jens Wollenschläger stellte zur Halbzeit beim Orgelsommer der Kreuzkirche Choralbearbeitungen in den Mittelpunkt.
Derart aufgeweckt, lockte Jens Wollenschläger in eine weit zurückliegende Vergangenheit der Renaissance zu Sebastian Aguilera de Heredias „Obra de 8o. tono alto: Ensalada“, das etwa 250 Jahre vor Mendelssohns Sonaten entstanden war. Die wandlungsfähige Jehmlich-Orgel durfte hier den filigranen Klang einzelner Stimmen in einer Dudelsack-Harmonik zeigen. Eine feine Zier verband sich darin mit Fanfarenmotiven und einem fröhlichen Gestus.
Jens Wollenschläger sollte später noch eine weitere iberische Überraschung präsentieren, zunächst aber stand mit Johann Sebastian Bach die wohl bekannteste Choralbearbeitung „Vater unser im Himmelreich“ (BWV 682 aus Dritter Theil der Clavierübung) auf dem Programm, in der sich die beiden Manual- und die Pedalstimmen nicht in Registerwechseln, sondern durchgängig schreitend gegenüberstanden – ein Auszug aus Bachs Meisterschaft für Liebhaber.

Doch die Liebhaber fanden ebensoviel Gefallen an Georg Böhms Fassung des Chorals. Interessant: Während Mendelssohn das Thema noch verarbeitet, gesteigert und „ausgestellt“ hatte, erklang es hier gedämpft im Plenum mit einem später folgenden Solo darüber – je nach vorgesehener liturgischer Verwendung und Zeitgeschmack fielen die Liedbearbeitungen also sehr unterschiedlich aus, in diesem Fall ausgesprochen innig.
Mit Francisco Correa de Arauxo betrat sozusagen ein weiterer, selten zu hörender spanischer Komponist die Orgelempore, noch einmal aus der Renaissance. „Tiento de medio registro de baxon de septimo tono (50)“ war eine zwar knappe, aber herrlich farbige Interpretation (liturgisch vielleicht für einen Übergang). Auch Jacob Praetorius aus einer bekannten Musikerfamilie (Vater war der Komponist Hieronymus Praetorius) hatte mit „Vater unser im Himmelreich“ eine kurze, innige Überleitung oder einen Besinnungspunkt geschaffen. Dass die Jehmlich-Orgel in vielen Jahrhunderten und auch leise klingen kann, durften wir schon oft erleben.
Nach der Orgelsanierung Anfang des Jahres ist sie aber in manchem, vor allem im Bereich der Bässe, noch einmal erkräftigt. Vielleicht trug das zum Eindruck bei Johann Ulrich Steigleders Tabulaturbuch „Darinnen Daß Vatter vnser“ bei? In zwei Auszügen erklangen zuerst luftige (kurze) Töne über einem ausgesprochen melodisch summenden Subbass (Nr. 31: 4 Voc. Coral im Baß), worauf „Die 40. und letste Variation auff Toccata Manier“ mit dem hellsten Strahlen und kunstvollstem Aufbau an diesem Nachmittag einerseits noch einmal die Harmonik des frühen 17. Jahrhunderts anklingen ließ, andererseits dem romantischen Schmeicheln des Beginns einen glanzvollen Schlusspunkt aufsetzte.“
27.07.2026 | Wolfram Quellmalz | DNN Kultur | „Ein Himmelreich für alle Zeiten“