Orchester Medicanti im Konzert 2026 | „Große, weite Welt“
29. Januar 2026
„medicanti ist zwar das Orchester der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden, vereint aber mittlerweile musikbegeisterte Musiker aus allen Berufs- und Studienrichtungen. Mit um die achtzig Mitgliedern ist es ein recht stattliches Laien- oder Liebhaberorchester, wenn dann deren Angehörige zum Konzert kommen und Bedřich Smetanas „Die Moldau“ sowie Antonín Dvořáks „Aus der neuen Welt“ weitere Besucher anlocken, bilden sich an den Türen der Kreuzkirche Schlangen, als würde der Kreuzchor auftreten. Am Sonntag waren das Kirchenschiff und die erste Empore dichtbesetzt – einen ähnlichen Effekt kann man dem Orchester zum Jubiläumskonzert im Juni nur wünschen.
Das Orchester medicanti überzeugte mit Smetana und Dvořák in der Kreuzkirche
Und von wegen „Laien“ – das heißt heute längst nicht mehr, dass etwas „schief“ klingt. Unter der Leitung von Wolfgang Behrend waren, konnte man spüren, die beiden Werke nicht nur mit Hingabe, sondern auch akribisch einstudiert worden. Nur hier und da ließ die Spannung über die lange Distanz einmal ein wenig nach (dritter Satz Dvořák) oder fiel das Tempo etwas gemächlicher aus als gewohnt (Finale der „Moldau“). Vor allem aber zeigte sich medicanti in den Gruppen geschlossen und im Zusammenspiel bestens abgestimmt. Und wenn die Balance einmal nachzubessern war, geschah dies schnell.
Ohnehin gäbe es kaum etwas zu mäkeln – die ersten Takte der „Moldau“ werden von der Flöte erweckt, zu der sich bald die Oboe gesellt, die Pizzicati der Streicher klangen da noch etwas leise, was aber an der im Vergleich zum Probenraum riesigen Kirche gelegen haben mag. Die folgende Pizzicato-Wiederholung gelang bereits markanter.

Vor allem überzeugte der „geschlossene“ Eindruck dahingehend, dass die Instrumentengruppen homogen blieben, ihr Gegenüber Kontraste hervorhob oder zu sinnfälligen Ergänzungen fand. So ergoss sich die „Moldau“ bald satt in den Streichern, die flexibel auch die sanften Stellen des Flusses zeichneten. So konnten immer wieder Soli hervortreten, vor allem die Flöte (Barbara Häßler) nutzte an diesem Abend viele solcher Möglichkeiten und verzauberte mit der Harfe (Simone Geyer) den „Nymphenreigen“. Später durfte sie schneidend die gischtenden „Stromschnellen“ illustrieren, nachdem Blechbläser zur „Bauernhochzeit“ aufgespielt hatten.

Während Smetanas sinfonische Dichtung eine regelrechte Programmmusik ist, rechnet man Antonín Dvořáks neunte Sinfonie eher zur „absoluten Musik“. Volkstümliche Klänge, auch böhmische, findet man darin aber ebenso. Vor allem durften die Streichergruppen jetzt mit- und gegeneinander wogen, während die Pauken eine treibende Kraft darstellten. Der flinke Verlauf, mit der Flöte wieder voran und viel Blechbläsern, vor allem Hörnern, markierte einen Aufschwung, die Streicher blieben indes im Gesamteindruck geschmeidig. Auch die Pizzicati – jetzt allein in den Kontrabässen – stachen nun spürbar hervor, während das Englischhorn (Cornelia Wulf) seinen melancholischen Ruf entwickelte. Das Echo am Ende des Satzes, von den Stimmfehlern (unter anderen Konzertmeister Michael Nestler und Tim Wagner / Violoncello) getragen, entwickelte sich regelrecht zart.

Die Pauken trugen immer wieder zur Belebung bei, einzig das rhythmische Gleichmaß im Scherzo bremste kurz diese Lebhaftigkeit. Die Blechbläser hoben dies jedoch bald wieder auf und ließen das Finale sauber strahlen, in dem sich im wechselvollen Ablauf die Spannung wieder deutlich erhöhte.
In diesem Jahr feiert medicanti sein 40-jähriges Jubiläum. Das Programm am 20. Juni im Kulturpalast wartet zwar nicht solchen Lieblingsstücken wie am Sonntag auf, hat mit Lili Boulanger (Tondichtung „D’un matin de printemps“), Leonard Bernstein (Divertimento) und Sergej Rachmaninow (zweite Sinfonie) aus Sicht des Rezensenten aber einen noch höheren Entdeckerwert.“
27.01.2026 | Wolfram Quellmalz | DNN Kultur | „Große, weite Welt“