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„Lass ihn kreuzigen!“ | Matthäuspassion mit dem Dresdner Kreuzchor 2026


13. April 2026

„Bachs Matthäuspassion mit dem Dresdner Kreuzchor. Es war mehr die nachdenklich machende, nach innen gerichtete, Trost suchende und findende Version von Bachs Matthäuspassion, die Kreuzkantor Martin Lehmann in diesem Jahr bevorzugte. Umso mehr gingen dann der explosive Schrei nach der Lossprechung des Verbrechers Barrabas oder die wilden Kreuzige-Rufe des aufgeputschten Volkes unter die Haut, oder gar der bösartige Spott und die Häme desselben. Wie ein spätes Leuchten breitete sich die Erkenntnis in mildem As-Dur „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“ im weiten Kirchenschiff aus.

Und wieder einmal präsentierte sich der Dresdner Kreuzchor stimmlich wie ausdrucksmäßig konzentriert, makellos in der klanglichen Umsetzung, dynamisch flexibel und auf den Punkt gebracht – von dieser Seite her hervorragend. Wie immer legte der Kreuzkantor sehr viel Wert auf feine Differenzierung bei den Chorälen. Und auch das gelang ganz wunderbar. Wie ein roter Faden zieht sich ja der innige Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ auf der Grundlage der Paul-Gerhardt-Verse durch die ganze Matthäus-Passion. Doch so plausibel, immer meditativ der jeweiligen Situation angepasst und akzentuiert, hört man sie auch an dieser Stelle eher selten.

Bachs Matthäuspassion mit dem Dresdner Kreuzchor

Welch wirkungsvoller Kontrast zwischen den zwei Strophen vor Jesu Weg nach Golgatha! Und in so unaufgesetzter Schlichtheit und berührend den Sterbechoral „Wenn ich einmal soll scheiden“ (nach der Melodie „Herzlich tut mich verlangen“) zu gestalten, ist auch nicht jedem Chor gegeben. Breit ließ der Kreuzkantor das große, doppelchörige Eingangsepistel „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“ die Hörer gleichsam direkt ins Geschehen einbeziehend, strömen. Erwartungsgemäß setzte Martin Lehmann das beherrschende Prinzip der Doppelchörigkeit ganz konsequent während der gesamten Aufführung um. Hingegen wirkte der Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ wie eine Erlösung.

Das zweite große Plus der Interpretation war natürlich die Dresdner Philharmonie, die man hier nun schon so oft mit ihrem Bach hörte. Auch diesmal erstickte die Wiedergabe eben nicht in langweiliger Alltagsroutine. Präzision und großes Engagement an allen Pulten bestimmten den Auftritt und selbstverständlich feines und tiefgehendes Werkverständnis für gerade diese Passion. Durchweg eine Freude hinsichtlich anspornend gesetzter Akzente verkörperte die Continuo-Gruppe. Und den obligaten Instrumenten, von denen Wolfgang Hentrich an der Solovioline in der h-Moll-Altarie „Erbarme dich“, seine temperamentvolle Kollegin Julia Susslov in der energischen Bass-Arie „Gebt mir meinen Jesum wieder“ bis zum Flötenzauber von Marianna Zolnacz (beispielhaft), hörte man nur einfach glücklich zu.

Bei der Form des Dresdner Kreuzchores durfte man voraussetzen, dass sämtliche „kleinen“ Rezitative aus dem Chor heraus stimmlich wie gestalterisch tadelsfrei besetzt sein würden. Und so war es auch. In der sonstigen Solistenriege gab es recht wechselhafte Leitungen. Dem eigentlich bewährten Evangelisten Benedikt Kristjánsson hätte ich zuweilen mehr Empathie gewünscht. Und auch der Christus von Roderick Williams kam stimmlich zwar edel, aber reichlich unbeteiligt rüber. Marie-Sophie Pollack brachte einen schönen hellen, gelegentlich schneidenden Sopran ein. Helen Charlston erreichte mit der schon erwähnten „Erbarme dich“-Arie ihren Höhepunkt. Richard Resch (Tenor) und der junge Bassist Jonas Müller überzeugten jeweils mit einer energisch zupackenden Arien-Interpretation zu Beginn, was sie aber nicht durchhielten.

Lange verharrte der Kreuzkantor am Ende in seiner Schlussgeste, von der absoluten Stille des Publikums umfangen, das nachdenklich den Heimweg antrat.“

4. April 2026 | Mareile Hanns | DNN Kultur | „Lass ihn kreuzigen!“ – Matthäuspassion 2026

Beeindruckende Matthäuspassion in der Dresdner Kreuzkirche

„Vor dem Osterfest am Sonntag geht der Blick zurück. In Theater und Film spricht man von der „Fallhöhe“ einer Figur. Jesus ist ausgeliefert, ungerecht verurteilt, unfassbar gequält, brutal hingerichtet, tatsächlich gestorben und begraben worden. Auferstehung wird erst dadurch möglich. Es ist christliche Tradition und zutiefst menschliche Erfahrung, dem Osterjubel das Gedächtnis von Gründonnerstag und Karfreitag voranzustellen. Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion meditiert über Jesu Leiden und Tod. In der Kreuzkirche sind es drei Stunden hochintensive Musik. Es ist liturgisches Ereignis, Gebet, Nachdenken, farbenreiche Musikinterpretation und hochkomplexes Konzert.

Kreuzchor, Philharmonie und Solisten sorgen mit Johann Sebastian Bach für Gänsehautmomente.

Mit Kreuzchor und Philharmonie sowie beeindruckenden Instrumental- und Gesangssolisten war eine Aufführung hoher Qualität und anrührender Gestaltung zu erleben. Vom einladenden Klagechor „Kommt, ihr Töchter“ bis zum abschließenden „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ ziehen sich dramatische Erzählung und ihre Reflexion. Benedikt Kristjánsson als Evangelist nimmt emotional Anteil, hat vom klangvollen Piano bis zum kräftigen Forte, von sonorer Tiefe bis zu fast knabenhafter Höhe ein reiches Gestaltungsspektrum.

Die Sopranistin Marie-Sophie Pollak und die Altistin Helen Charlston mischen sich im Duett „So ist mein Jesus nun gefangen“ zu einem bewegenden Klang. In ihre ohnmächtige Trauer wirft der Chor das protestierende „Lasst ihn, haltet, bindet nicht“. Ein Aufbegehren, das den Fortgang des Leidens nicht hindert. Hilflosigkeit angesichts unmenschlicher Grausamkeit, Terror, Tod und Vernichtung. Da ist die Frage plötzlich aktuell: Wo bleiben Erlösung, „Blitze und Donner“, die „mit plötzlicher Wut den falschen Verräter“ zerstören, wie es die Kruzianer unter dem animierenden Dirigat von Martin Lehmann singen?

Jeder Hörer wird seine eigenen Gänsehautmomente gehabt haben: in Arien, bei Instrumentalsoli oder in den genau gestalteten Chorälen, im dramatischen Fluss oder in Bezug auf das eigene Leben, die eigene Erfahrung. So bekommt das Leid des anderen tröstliche Dimension, Basis einer Hoffnung auf österliche Erlösung.“

4. April 2026 | Jens Daniel Schubert | SZ Feuilleton | „Beeindruckende Matthäuspassion in der Dresdner Kreuzkirche“

Dresdner Kreuzchor, Johann Sebastian Bach, Matthäuspassion 2026
Konzert in der Kreuzkirche Dresden: Johann Sebastian Bach, Matthäuspassion BWV 244 (c) Martin Jehnichen