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Matthäuspassion 2026 | Hier zittert das gequälte Herz


23. März 2026

Bach: Matthäuspassion 2026 – Da antwortete nun der Landpfleger und sprach zu ihnen: „Welchen wollt ihr unter diesen zweien, den ich euch soll losgeben?“

In einer Fernsehproduktion mit dramatisierter Bildchoreographie, gefilmt in den Münchner Bavaria Studios, gibt es diesen Gänsehautmoment. Die Kamera, die eben noch den Evangelisten Peter Schreier und Ernst Gerold Schramm in der Rolle des Landpflegers Pilatus ganz menschlich im Profil eingefangen hat, schaut quasi vom Himmel herunter auf den Chor und zoomt dann rasend schnell aus der Szenerie heraus. Wie ein Blitzschlag trifft den Hörer das Urteil: „Barrabam!“

Das ist der vielleicht bekannteste Moment in einem der populärsten Passionswerke der westlichen Musikgeschichte. Karl Richter und Peter Schreier hatten sich kurz nach dem Krieg kennengelernt; der zehn Jahre ältere Richter arbeitete damals als Assistent von Rudolf Mauersberger. Dem ehemaligen Kruzianer Peter Schreier schien die spätere „Inszenierung“ der Matthäuspassion durch Karl Richter „geradezu ein Ritual“ zu sein. Das Werk selbst zählt zu denjenigen, die Peter Schreier wohl am intensivsten studiert hat. Mit ihm hatte seine eigene Gesangskarriere recht eigentlich begonnen (diese Geschichte ist andernorts schon oft erzählt worden); den Evangelisten sang er 1962 (unter den Mauersberger-Brüdern), 1969 (unter Claudio Abbado), 1970 (unter Mauersberger), 1972 (unter Karajan), 1979 (erneut unter Richter) und 1981 (unter Martin Flämig) auf Schallplatte ein; er sang und dirigierte gar 1985 eine erneute Aufnahme in der Lukaskirche.

Bach: Matthäuspassion mit dem Dresdner Kreuzchor

Die manchmal vielleicht schon etwas museal erscheinende dirigentische Aufführungspraxis eines Willem Mengelberg, Rudolf Mauersberger, eines Karl Richter oder Herbert von Karajan kann man heute nur aus der Distanz wahrnehmen: ehrfürchtig sicherlich, aber manchmal auch mit einem leisen Befremden angesichts der überwältigenden Gravitas, die die Passionsmusik unter diesen Großmeistern ausstrahlt. Während etwa Karl Richter ganz zu Beginn des großen Eingangschors die Achtel streng ausdirigiert, lassen heutige Dirigenten das Stück bewegter, teilweise fast doppelt so rasch fließen. Philippe Herreweghe, Nikolaus Harnoncourt, Masaaki Suzuki oder Andreas Reize reichen nun schwingende Impulse auf den punktierten Vierteln, um das Werk um das Leiden und Sterben Jesu einzuleiten.

„Es gibt in der Karwoche nichts Erfüllenderes, als die Leidensgeschichte durch die Musik von Bach zu erleben und auszudrücken. Die biblischen Texte und Bachs Musik sind einfach eine Symbiose, die für mich Karfreitag ‚fühlbar‘ machen.“ (Ludwig Haenchen, Chorpräfekt)

Auch beim Dresdner Kreuzchor, wo das Werk in der alljährlichen Abfolge der großen Kirchenkonzerte eine ehrenvolle Sonderstellung einnimmt, hat sich die Lesart des Werkes unter den Kreuzkantoren, die Rudolf Mauersberger nachfolgten, hörbar verändert. Allein unter Martin Flämig schnitt der Chor das Werk viermal mit (die Aufnahmen befinden sich heute im Archiv des Chores). Insgesamt sind seit der Jahrtausendwende über einhundert Einspielungen der Matthäuspassion auf Platte erschienen; im Internet kann man sich zudem durch die wichtigsten Aufnahmen der letzten achtzig Jahre hören, vom schon erwähnten Willem Mengelberg (1939) über Otto Klemperer (1961) bis hin zur legendären Interpretation John Eliot Gardiners oder einem achtunggebietenden Live-Mitschnitt beim Schweizer Verbier Festival unter dem Dirigier-Debütanten Thomas Quasthoff. Es ist schwer vorstellbar, dass das Werk nach Bachs Tod lange Zeit vergessen war, bevor es Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 – zum vermeintlichen 100. Jubiläum der Uraufführung – wieder ins musikalische Gedächtnis brachte. Heute nehmen wir an, dass die Uraufführung bereits am Karfreitag 1727 in der Thomaskirche stattfand. Aufgeführt wird indes meist eine spätere, 1736 von Bach niedergeschriebene Version des Werkes.

Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium, Matthäuspassion
Johann Sebastian Bach Denkmal in Leipzig

Schauen wir einmal genauer in die Partitur, sehen wir, dass Chor und Orchester für die Matthäuspassion geteilt sind. Der Evangelist erzählt den biblischen Text der Leidensgeschichte Jesu. Dazu kommen Arien, deren Texte auf den freien Dichtungen von Picander (Christian Friedrich Henrici) beruhen, und große Chöre, die meist aus der Perspektive der Gemeinschaft der Gläubigen gesungen scheinen (in den sogenannten „Turbachören“ kommen die Jünger, die Soldaten, die Priester und eben das Volk direkt zu Wort). Die Worte Jesu Christi vertonte Bach in Arioso-Form und lässt sie durch die Streicher begleiten. Wie Säulen stehen dazwischen die Choräle; allein „O Haupt voll Blut und Wunden“ erklingt insgesamt fünfmal in abgewandelter Form.

Wo nun also frühere Interpreten die Matthäuspassion aus quasi-auktorialer Sicht recht majestätisch-würdevoll ausmusizieren ließen und die Aufführungen weit länger als drei Stunden dauerten, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine bewegtere, flüssigere, insgesamt könnte man vielleicht sagen: menschlichere Lesart der Musik durchgesetzt. Peter Schreier sagte mir einmal im Interview dazu: „Ich finde, schon allein durch die Art und Weise, wie Bach die Rezitative geschrieben hat – mit diesen unglaublichen Intervallsprüngen –, das fordert zu einer Deutung doch geradezu heraus! Da kann man nicht sachlich bleiben. Nein, in der Matthäuspassion ist ein Evangelist gefragt, der Stellung nimmt!“

Ob die Musik Bachs Zeitgenossen auf ähnliche Weise ergriffen hat? Das wissen wir nicht. Es ist uns heute kein einziger längerer Bericht einer Aufführung in der damaligen Zeit überliefert. Immerhin, von „größter Verwunderung“ schreibt ein Zeitgenosse. Aus eigener Erfahrung können wir nur sagen: Es fällt schwer, während der Matthäuspassion reserviert zu bleiben. Der eingangs beschriebene Barabbas-Ruf dient heutigen Musikwissenschaftlern als Prototyp für Musik, die den Hörer mit Macht ergreift, „zu Herzen geht“, die den Herzschlag beschleunigt, die Gänsehaut macht.

„O Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz! Wie sinkt es hin, wie bleicht sein Angesicht! (…) Ach, könnte meine Liebe dir, mein Heil, dein Zittern und dein Zagen vermindern oder helfen tragen: Wie gerne, wie gerne, wie gerne blieb ich hier!“

Einführungstext zur Matthäuspassion von Martin Morgenstern, 2026

Matthäuspassion