
Die Johannespassion – ein Werk, mit dem Bach niemals fertig wurde | Claus Fischer
3. April 2025
Die Johannespassion und ihre vier verschiedenen Fassungen: „Am Karfreitag 1724 hatte Bach als Thomaskantor das erste Mal die Chance, eine Passionsmusik aufzuführen. Es war ja sein erster Karfreitag, den er in Leipzig erlebte“, betont der Bachforscher und Intendant des Bachfestes Leipzig Michael Maul. Er kennt jede Note der Johannespassion und kann sich gut vorstellen, wie Bach in seiner Komponierstube am Thomaskirchhof in den Wochen vor dem Karfreitag Seite für Seite mit Noten vollschrieb.
Zeit hatte er genug, denn in den sieben Wochen vor Karfreitag und Ostern, der Passionszeit, gab es keine Kantatenaufführungen in den Gottesdiensten der Leipziger Hauptkirchen. „Tempus clausum“ wurden diese Wochen genannt, auf Deutsch „geschlossene Zeit“. Und die war auch mit Auflagen für die Bevölkerung verbunden. Alle „Schmausereien und Gastereien“ hatte man, so heißt es in den damaligen Anordnungen, zu unterlassen. Man sollte also nicht laut oder deutlich hörbar feiern in den Häusern. Das hatte auch zur Folge, dass in dieser Zeit keine Eheschließungen stattgefunden haben. Diese schmucklose Phase füllte Bach also mit Arbeit an der Johannespassion.
Sieben Wochen ohne figurale Musik – und dann die Johannespassion!
Während des „Tempus clausum“ wurden im Gottesdienst in der Leipziger Thomaskirche ausschließlich Choräle mit Orgelbegleitung gesungen, höchstenfalls gab es noch ein schlichtes Präludium des Organisten. So kann man gut nachvollziehen, wie wichtig die Passionsmusik am Nachmittag des Karfreitags für die Leipziger Bevölkerung war – nach sieben Wochen Abstinenz von figuraler, also mehrstimmiger, groß besetzter Musik!
Das Werk beginnt mit einem expressiven Eingangschor – und mit der Bitte, Christus möge durch seine Passion, durch sein Leiden und Sterben am Kreuz sich als der Erlöser der Welt erweisen. Im weiteren Verlauf wird die Leidensgeschichte vom Evangelisten singend erzählt. Dazu kommen Arien, die die jeweilige Stimmung vertiefen. Bach erzeugt Kino im Kopf, wenn er im Chor „Wohin?“ etwa die „angefochtenen Seelen“, heute würde man wohl sagen, die belasteten Psychen, nach Golgatha eilen lässt, also zum sterbenden Jesus.
Die Urbesetzung: Thomanerchor und Stadtpfeifer – und die singende Gemeinde
Beteiligt an der Uraufführung der Johannespassion war selbstverständlich der Thomanerchor. Es musizierten die Mitglieder der städtischen Kapelle, damals die „Stadtpfeifer“ genannt. Wer die anspruchsvollen Arien gesungen hat, wissen wir nicht hundertprozentig, sagt Bachforscher Michael Maul. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Solopartien im Kern von Thomanern besetzt wurden. Ich glaube aber, dass Bach gerade für die tragenden tiefen Partien, sagen wir mal Evangelist, Jesus, in der Regel Studenten an der Hand hatte, vielleicht Ex-Thomaner, die nach wie vor hier bei ihm mitsangen und die einfach die größeren Stimmvolumen hatten.“
Bachs Johannespassion enthält allerdings nicht nur plastische, opernhafte Passagen. Als Ein Werk, mit dem Bach niemals fertig wurde – Die Johannespassion und ihre vier verschiedenen Fassungen Kontrast und Ruhepole in der musikalischen Schilderung des Leidens und Sterbens Jesu dienen die Choräle. Schlichte Kirchenlieder, bei denen die Gemeinde zur Uraufführung in der Leipziger Nikolaikirche nachweislich mitsingen durfte und sollte, erzählt Michael Maul. „Die Passionsgeschichte insgesamt lässt uns innehalten, lässt uns über unser eigenes Menschsein nachdenken, auch über Vergänglichkeit.“ Im letzten und eindringlichsten Choral wird die Bitte geäußert, dass die Seele des Menschen doch in Abrahams Schoß, sprich zu Gott kommen möge …
Noch drei weitere Versionen – die Johannespassion immer im Wandel
Es mag erstaunen: Bei der zweiten Aufführung der Johannespassion in der Leipziger Thomaskirche hat Bach den für uns heute so bedeutenden Schlusschoral weggestrichen und durch ein weniger wirkungsvollen Chorsatz ersetzt. Und er hat noch Einiges mehr verändert. Aber das war erst der Anfang eines weit größeren Veränderungsprozesses. In den letzten Jahren hat sich die etablierte Bachforschung intensiv mit der Johannespassion beschäftigt und festgestellt, dass das Werk gleich in vier zum Teil recht unterschiedlichen Fassungen Bachs vorliegt. „Er war nie in der Lage, diesem Stück wirklich eine endgültige Fassung zu verpassen“, sagt Musikwissenschaftler Michael Maul. „Als Forscher suchen wir ja immer nach dem sogenannten ‚Urtext‘ eines Stücks und unterstellen dabei eigentlich auch immer, dass es so etwas gibt.
Tatsächlich straft uns Bach im Fall der Johannespassion sozusagen Lügen! Wir wissen inzwischen, dass er die Johannespassion mindestens viermal in Leipzig aufgeführt hat und eben jedes Mal anders! Er hat teilweise neue Stücke eingefügt, hat experimentiert mit der Instrumentierung. Man sieht wirklich bei diesem Stück: Bach wollte damit experimentieren – und aus irgendeinem Grund, anders als das mit der Matthäuspassion der Fall ist, ist er am Ende nie zu einer Fassung letzter Hand oder endgültigen Fassung
gekommen“.
Die heute meist aufgeführte Version kommt der ersten von 1724 ziemlich nah
Die Fassung, die Sie heute hören, kommt der ersten von 1724 am nächsten. Sie ist aber trotzdem eine Mischung aus allen vier erhaltenen Versionen – eine, die Bach selbst niemals aufgeführt hat. Es ist eine praktikable Fassung, die die Musikwissenschaftler, die das Werk 1978 in der „Neuen Bachausgabe“ veröffentlicht haben, erstellten. Doch sie hat sich in den Kirchen und Konzertsälen der Welt heute durchgesetzt.
Und das wohl besonders auch wegen des Schlusschorals „Ach Herr laß dein lieb´ Engelein / am letzten End´ die Seele mein / in Abrahams Schoß tragen“. Bach drückt hier auf musikalisch anrührendste Weise die christliche Hoffnung aus, die in diesem schwer verständlichen Tod Jesu am Kreuz liegt. Allein wegen dieses Schlusschorals ist die Johannespassion in der gängigen Fassung musikalisches Weltkulturerbe.
Claus Fischer (MDR) im April 2025
