Jehmlich Orgel | Sanierung 2026 | „Vorübergehende Stille“
26. Februar 2026
„Bis Ostern wird die Jehmlich Orgel der Dresdner Kreuzkirche gereinigt und saniert. Überraschend viel bezieht sich dabei auf Elektronik. Was muss man an einer Orgel pflegen, damit sie immer spielt? Schließlich bläst durch die Pfeifen doch nur Wind, da geht nichts kaputt. Ab und zu die Tastatur reinigen, Filze wechseln, die Glühbirne am Notenpult gegen eine LED-Leuchte tauschen – genügt das?
Jehmlich Orgel der Dresdner Kreuzkirche wird saniert
Eine Weile schon, aber nicht auf längere Sicht. Im Laufe der Jahre lagert sich Staub ab, fallen Insekten in die Pfeifen, was allein schon den Klang (er wird dann matter) beeinflussen kann. Wichtiger ist, dass die Bedienbarkeit noch von anderen Dingen abhängt. Und dass sich manches Äußerliche im Laufe der Zeit ändert. So gab es für die Jehmlich Orgel in der Dresdner Kreuzkirche USB-Sticks, mit denen Organisten ähnlich einem Autoschlüssel ihren Zugang freischalten und individuell ausgewählte Register für den nächsten Gottesdienst speichern konnten. Doch diese USB-Sticks funktionieren nicht mehr, weil die Steuerung hinter dem Stand der Technik nicht nur in Sachen Speichermedium zurückliegt.

Alle zwanzig bis dreißig Jahre ist bei einer Orgel eine Generalsanierung fällig. Das geschieht derzeit in der Kreuzkirche. Kostenpunkt inklusive Teilreinigung: 185.000 Euro. Die letzte Maßnahme gab es zwischen 2005 und 2008. Jetzt wird manches nachgeholt, was damals ausgespart blieb. Zum Beispiel werden die sogenannten Bombarden, die größten Prospektpfeifen, nicht nur herausgenommen und gereinigt. Ihre Halterung wird so umgebaut, dass man sie künftig von innen anheben und ausbauen kann. Dann könnte man auf ein Gerüst verzichten.
Das war jetzt jedoch nicht möglich. Zunächst musste vor der Empore sogar ein Hilfsgerüst aufgebaut werden, um das eigentliche Gerüst, auf dem die Sanierung stattfinden soll, aufzurichten. Eine knifflige Zielstellung: Einerseits muss es aus Arbeitsschutzgründen so dicht wie möglich an der Orgel stehen, andererseits werden Spalte benötigt, um zum Beispiel Pfeifen durchlassen zu können – bitte ohne anzuschlagen. Orgelbauer Thomas Bartsch ist froh, dass er mit der Spezial-Gerüstbau Hein GmbH aus Bischofswerda Spezialisten vor Ort hat, die mit kulturellem Erbe umzugehen wissen.

Derzeit sieht es in der Orgel aus wie in einer Werkstatt, was sie ja auch ist: ausgebaute Orgelpfeifen, Werkzeuge, Werkbänke, überall wird gearbeitet. Beim Reinigen wurde eine dicke Schicht Staub beseitigt, Funde wie in Pfeifen gefallene Tiere oder ähnliches gab es nicht. Vieles ist Kleinarbeit, wie die Filze, die das Klacken der Registerschalter dämpfen sollen. Wenn man hinter die Register schaut, zeigt sich jede Menge Elektrik und Elektronik. Manche Anpassung ist erzwungen und profan: Ein funktionstüchtiger Trafo muss ausgetauscht werden, weil die vorgeschriebene Prüfspannung heute doppelt so hoch ist wie zur Zeit der letzten Sanierung.
Die unzähligen Drähte der Schalter, die auf Schienen zusammengesteckt werden, aber selbst aus Steckern, Haltern und einem zentralen Steuerelement bestehen, überraschen. Schließlich denkt man bei „Orgel“ zunächst an Metalle wie Zink und Blei sowie an Holz. Doch Bartsch, der an der Jehmlich Orgel schon 1982 die Elektrifizierung der Koppeln (Spielhilfen, um Manuale, auch mit dem Pedal, zu verbinden) eingerichtet hat, klärt auf: Schon seit in den 1920er Jahren elektrische Spieltische Einzug gehalten haben, gehört die Elektrik zu den Gewerken des Orgelbaus.

Längst sind Orgeln auch mit einem Rechner oder Speicher verbunden. Die Jehmlich-Orgel hatte 999 Plätze auf dem sogenannten Setzer (zum Speichern von Registerkombinationen). Jetzt werden es viel mehr, vor allem können sie wieder geschützt werden, sodass ein Spieler nicht versehentlich die Vorbereitung eines anderen löscht. Eine MIDI-Schnittstelle erlaubt es, die Orgel mit elektronischen Instrumenten zu verbinden. Über eine App ist es einer Person möglich, die Intonation allein einzurichten. Man kann also künftig auf einen „Tastenhalter“ verzichten und mit Hörabstand im Raum arbeiten. Außerdem kann Musik, etwa Improvisationen, auf einen Rechner übertragen werden. Es gibt mittlerweile Apps, die gleich die entsprechenden Noten aufschreiben.
Zum Spielen braucht die Orgel außerdem Luft, deren Antriebe ebenfalls saniert werden. Der Orgelbauer spricht übrigens nicht von „Luftdruck“, sondern vom „Wind“. Bei der Jehmlich-Orgel liegt er zwischen 85 und 110 mmWS (Millimeter Wassersäule), wobei 100 mmWS etwa 0,0098 bar entspricht – wahrlich kein „Druck“.

Zum Stimmen verrät Bartsch: Labialpfeifen funktionieren im Grunde wie eine Blockflöte und sind temperaturempfindlich. Je höher die Raumtemperatur steigt, desto höher klingen sie. Sie zu stimmen, hieße allerdings, sie mechanisch zu verformen. Auch wenn dies geringfügig wäre, vermeidet man es. Zungenpfeifen dagegen reagieren auf die Raumtemperatur nicht, lassen sich aber leicht und ohne Beeinträchtigung des Materials stimmen. Beim „Stimmen“ im Sinne der Temperaturanpassung werden genaugenommen oft die Zungenpfeifen so verstimmt, dass die Gesamtintonation der Orgel passt.
Für die Osterfeierlichkeiten soll alles fertig sein, auch die Gerüste sind dann verschwunden – zur Matthäus-Passion wird eine ausverkaufte Kirche erwartet. Vieles ist dann – vor allem innerlich – neuer, besser, komfortabler. Nur eines soll bleiben: der gewohnte Klang der Jehmlich-Orgel.“
25.02.2026 | Wolfram Quellmalz | DNN Kultur | „Vorübergehende Stille“