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Geheimnisvoll erhaben | h-Moll-Messe | Dresdner Kreuzchor | 7. Februar 2026


22. Januar 2026

Die h-Moll-Messe Johann Sebastian Bachs ist ein wahres Musikmonument und nur mit wenigen anderen Werken der Musikgeschichte vergleichbar. Von den Söhnen Carl Philipp Emanuel und wohl auch Johann Christoph Friedrich in endgültige Form gebracht, wurde sie mehr als achtzig Jahre nach Bachs Tod als „Die hohe Messe in h-Moll“ erstmals gedruckt; der Verleger Hans Georg Nägeli pries sie in seinem Subskriptionsaufruf als „größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Mehr als hundert Jahre nach Bachs Tod wurde sie erstmals öffentlich in Gänze aufgeführt. Und es sollte noch weitere hundert Jahre dauern, bis die Messe Präsenz im Musikleben erlangte. Mit dem Weihnachtsoratorium und der Matthäuspassion zählt sie heute zu den am häufigsten aufgeführten Bachschen Großwerken.

h-Moll-Messe mit dem Dresdner Kreuzchor

Besonders ungewöhnlich für Bachs Arbeitsweise ist es ja nicht, dass die einzelnen Sätze der Messe Parodien sind. Aber die komplexe und langwierige Entstehungsgeschichte des Werks ist dann doch so einzigartig, dass die Bachforscher bis heute mit der Klärung der Details beschäftigt sind und wir noch auf einige musikwissenschaftliche Leerstellen blicken, die vielleicht in den nächsten Jahren mit etwas Finderglück ausgefüllt werden können. Wir wissen zum Beispiel noch nicht, ob Bach die Überarbeitung und Ergänzung der ursprünglichen, 1733 entstandenen Missa Brevis in den späten 1740er Jahren vielleicht auf eine Aufführung zur Weihe der Dresdner Hofkirche hin vornahm (die sollte hingegen 1755, nach einigen Jahren Bauverzögerung, mit Johann Adolph Hasses Messe in d-Moll geweiht werden).

Auch ein Auftrag aus Wien, für eine prestigeträchtige Aufführung im Wiener Stephansdom, wird seit einigen Jahren diskutiert. In jedem Fall dürfte dem Komponisten ein solcher Auftrag gelegen gewesen sein, war er doch seit einigen Jahren damit beschäftigt, Werke wie das Weihnachtsoratorium oder „Die Kunst der Fuge“ quasi als enzyklopädisch-musikalisches Vermächtnis, quasi ‚für die Nachwelt‘, zu planen. Eine „Missa tota“ wie die h-Moll-Messe fehlte da noch im Register der eindrucksvollen Großwerke. Warum also nicht bemerkenswerte Sätze aus früheren Kantaten noch einmal zu einem weiteren eindrucksvollen Gipfelwerk, einer „Großen Catholischen Messe“, wie sie Carl Philipp Emanuel nannte, zusammenbinden?

Verschlungene Entstehungsgeschichte der Messe

1724 komponierte der gerade einige Monate amtierende Thomaskantor Johann Sebastian Bach für den Weihnachtsgottesdienst ein festliches „Sanctus“, in den Vokalstimmen gesetzt für drei Soprane, Alt, Tenor und Bass. Es wurde wahrscheinlich für einen Weihnachtsgottesdienst 1745 wiederverwendet, der den „Frieden von Dresden“ feierte, den am 25. Dezember abgeschlossenen Friedensvertrag zwischen Preußen, Österreich und Sachsen.

Und es bildet kurz darauf auch einen in glänzendem D-Dur aufstrahlenden Satz der neuen, in h-Moll beginnenden Messe und ist „nicht nur einer der Höhepunkte des gesamten Werkes, sondern gehört zum geheimnisvoll Erhabensten, was je an Musik geschaffen worden ist“ – so schrieb es der Kirchenmusikdirektor und Musikwissenschaftler Walter Blankenburg (1903-1986) in seiner „Einführung in Bachs h-Moll-Messe“. Überhaupt, die Tonarten. Die drei „Kyrie“-Sätze am Anfang – Fun fact für das nächste Gespräch am Kaffeetisch – sind in h, D und fis gesetzt.

Dresdner Kreuzchor, J.S. Bach, Johannespassion, Weihnachtsoratorium, h-moll-messe
Dresdner Kreuzchor, J.S. Bach, Johannespassion in der Kreuzkirche Dresden am 17.04.2025 (c) Martin Jehnichen

Die Grundtöne dieser Tonarten entsprechen dem h-Moll-Akkord. Falls Ihr Gesprächspartner sich als abgeklärter Musikprofi erweisen sollte, ergänzen Sie wie beiläufig folgendes Kuriosum: nur fünf der siebenundzwanzig Mess-Sätze der h-Moll-Messe sind tatsächlich in h-Moll gesetzt. Zwölf dagegen, unter ihnen die jeweiligen Hauptsätze der vier großen Abschnitte der Messe, stehen in D-Dur, der idealen Tonart für die drei Naturtrompeten, die Bachs Partitur vorsieht.

„Kyrie“ und „Gloria“ bildeten ursprünglich als in sich abgeschlossene „Missa brevis“ den musikalischen Kern der Messkomposition, die heute zur Aufführung kommt. Diese Musik entstand 1733 während einer fünfmonatigen Landestrauer um August den Starken, als den sächsischen Musikern jedwedes Musizieren untersagt war. Bach schickte die Stimmen der neuen Messe an Friedrich August II., der wenige Monate später als August III. zu den Klängen von Bachs Kantate „Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen“ zum polnischen König gekrönt wurde. Eine Arie dieser weltlichen Kantate (BWV 215) kann jeder Sachse mitsummen: Bach parodierte sie als „Erleucht auch meine finstre Sinnen“ im „Weihnachtsoratorium“.

Dresdner Kreuzchor, Weihnachtsliederabend, Johannespassion, Matthäuspassion, Brahms Requiem, h-moll-messe
Dresdner Kreuzchor (c) Oliver Killig

Ein weiterer Teil der Kantate fand beim heute erklingenden „Osanna in excelsis“ Verwendung. Zu erwähnen wäre, dass musikwissenschaftliche und editorische Arbeiten an den sogenannten „Dresdner Stimmen“ in den letzten Jahren zu einer klanglichen Neubewertung der h-Moll-Messe beigetragen haben. Die Einzelstimmen, 1736 von Bach und mehreren Familienmitgliedern ausgeschrieben, geben uns wichtige Hinweise auf die kompositorischen Intentionen der vokalen Linienführung und führten in neueren Einspielungen zu einem Klangbild, in dem die vokalen Dimensionen des Werks deutlicher hervortreten.

Die Ergänzung um die neun „Credo“-Sätze, das „Agnus Dei“ und eben das „Sanctus“ schloss Bach in den Jahren 1748/49 ab. Größtenteils sind diese Ergänzungen kunstvoll umgearbeitete Parodien früherer Kantatensätze. Das „Agnus Dei“ etwa geht auf die Altarie „Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben“ aus dem „Himmelfahrtsoratorium“ zurück, dessen festlicher Eingangschor seinerseits auf der heute bis auf jenen Eingangssatz verlorenen weltlichen Kantate „Froher Tag, verlangte Stunden“ beruht, die Bach 1732 zur Feier der renovierten Thomasschule geschrieben hatte.

J.S. Bach, Weihnachtsoratorium mit dem Dresdner Kreuzchor in der Kreuzkirche Dresden, h-moll-messe
Konzert des Dresdner Kreuzchores in der Kreuzkirche Dresden (c) Oliver Killig

Teile dieser Kantate flossen ein Jahr später in die Kantate „Frohes Volk, vergnügte Sachsen“ (BWV Anh. 12) ein, die der Thomaskantor zum Namenstag von August III. komponierte, und deren Musik leider ebenfalls als verloren gilt. Ihr Text, verfasst von Picander, handelt von einer Unglückszeit voll „Thränen-Fluth“ und „Angst-Geschrey“ nach dem Tod Augusts des Starken, die das sächsische Volk dennoch mit Optimismus überwindet und zu seiner sprichwörtlichen Zufriedenheit, zu Wonne und Wohlstand zurückfindet. „Wie die Pflanzen und die Saaten durch die Sonne wohlgeraten und durch ihre Kraft gedeih’n, so muss auch dein Wesen sein.“ Nehmen wir Sachsen uns das in diesen seltsam verworrenen Zeiten zu Herzen!

Martin Morgenstern 2026

Weihnachtsoratorium mit dem Dresdner Kreuzchor in der Kreuzkirche Dresden, h-moll-messe
Weihnachtsoratorium mit dem Dresdner Kreuzchor in der Kreuzkirche Dresden (c) Oliver Killig