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Dresdner Kreuzchor | Gedenkkonzert 2026 | „Würdiges Gedenken“


11. Februar 2026

Bachs h-Moll-Messe mit dem Dresdner Kreuzchor: „Auch beim soundsovielten Erleben steht der Hörer staunend vor dem ob des kompositorischen Raffinements und der Botschaft kaum zu überbietenden Wunderwerk Johann Sebastian Bachs, der Messe in h-Moll (BWV 232). Dermaßen tief und eindringlich in den Messtext einzutauchen, Leid und Hoffnung nachzuvollziehen, ist nur ganz selten gegeben wie in diesem kirchenmusikalischen Lebenswerk.

Das war jetzt beim Dresdner Kreuzchor nicht anders, wie das gebannte Lauschen der Besucher und ihr langes, langes Verharren in absoluter Stille am Ende bewiesen. Es dauerte immerhin zehn Jahre (seit dem Bachfest 2016), bis sich Chor und Kreuzkantor wieder einmal Bachs Geniestreich näherten. Und es wurde die mit Spannung erwartete, exemplarische Aufführung – stimmig und zutreffend in allen Details, klug und wirkungsvoll durchdacht, aussagekräftig. Würdiger kann man des 13. Februars in dieser Stadt kaum gedenken.

Bachs h-Moll-Messe mit dem Dresdner Kreuzchor

Von Anfang an war zu konstatieren, dass Bachs h-Moll-Messe Kreuzkantor Martin Lehmann sehr am Herzen liegt – eine Linie, die der gut disponierte Kreuzchor immer mehr zu seiner eigenen machte und ohne Einschränkungen mittrug. Das homogene Klangbild, stimmliche und gestalterische Sorgfalt ließen keinerlei Wünsche offen. Dem Kreuzkantor gelang es perfekt, die Balance zwischen Leidenschaft und vortrefflicher Präzision, Lebendigkeit und Innehalten zu schaffen und während der gesamten Aufführungsdauer zu halten. Man denke nur an den hier fast rasanten, freudigen Chorsatz „Cum Sancto Spiritu“! Es war faszinierend zu registrieren, dass sich stimmliche und klangliche Präsenz, auf die Spitze getriebene Virtuosität im Chor auf der einen sowie Innerlichkeit und Ehrfurcht vor dem Werk auf der anderen Seite nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen

Die ausladende „Kyrie“-Fuge zu Beginn machte dem Kreuzchor keinerlei Schwierigkeiten. Wie tiefgründig und seelische Abgründe aufzeichnend gelang das „Crucifixus“, dem sich herausgeschleudert und prachtvoll der unendliche Jubel des „Et resurrexit“ anschloss. Hymnische Schönheit und große dynamische Flexibilität verbreitete das strahlende „Sanctus“. Und bei dem hier so friedvoll und musikalisch bestens ausgeformten „Dona nobi pacem“ am Ende ging einem ohnehin das Herz auf. Fazit: Ein Kreuzchor als Sinnbild frischer Klang- und Legatokultur, aufs Wesentliche konzentrierter Ausdruckskraft und Differenzierungskunst vom Feinsten.

In der Kreuzkirche erklang Bachs h-Moll-Messe zum 13. Februar – mit dem Kreuzchor, dem Dresdner Festspielorchester und Solisten

Für den Orchesterpart hatte Kreuzkantor Martin Lehmann mit dem Dresdner Festspielorchester ausgewiesene Spezialisten für Alte Musik gewonnen, die ihrem Ruf absolut gerecht wurden und gerade zur h-Moll-Messe ein besonders inniges Verhältnis haben, das von Kenntnisreichtum geprägt war. Was da von den Orchesterpulten tönte, avancierte zur Riesenfreude, allen voran das reine Hornsolo im „Quoniam“ und die unglaublich makellose Leistung der Trompeten. Man konnte suchen wie man wollte – da gab es nicht das kleinste Stäubchen.

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen

Aus dem guten Solistenquintett taten sich der klar geführte, leuchtende Sopran Miriam Feuersingers, der markante, Bach-erfahrene Bass Tobias Berndt und die feinsinnig gestaltende Altistin Marie Henriette Reinhold (welch ein innig sich ruhendes „Agnus Dei“!) hervor. Dazu kamen Hanna Zumsande sowie der kurzfristig eingesprungene Daniel Johannson mit seinem schön timbrierten Tenor.

Untrennbar mit diesem Konzert ist Rudolf Mauersbergers Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ verbunden, die er noch ganz unter dem Eindruck des Bombenangriffs 1945 im Erzgebirge nach den Klageliedern Jeremiae schrieb. So sehr zwischen Intensität und Schlichtheit angelegt, so bohrend in den Fragestellungen („Warum willst du unser so gar vergessen“), wie sie Martin Lehmann an diesem Tage zu Gehör brachte, hört man sie freilich kaum.“

Mareile Hanns | 10.02.2026 | DNN Kultur | „Würdiges Gedenken“

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen

„Ein Fest in h-Moll“

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores mit Bachs berühmter Messe

„Johann Sebastian Bachs (große) Messe in h-Moll (BWV 232) gehört zu den großartigsten Werken des Thomaskantors und zu den ein wenig sagenumwobenen – Anlaß und die genaue Entstehung sind nach wie vor nicht restlos geklärt. Über Jahr(zehnt)e entstanden die Teile, und bis heute kommen neue Theorien zur Geschichte des Werkes auf.

Mit dem Wechsel der zwischen den beiden Passionen (im vergangenen Jahr Johannes, in diesem Matthäus) und dem alljährlich aufgeführten Weihnachtsoratorium hat der Kreuzchor des aktuellen Jahrgangs damit alle großen Chorwerke Johann Sebastian Bachs im Repertoire. Die zehn Jahre seit der letzten Aufführung (Dresdner Bachfest 2016) entsprechen bei einem Knabenchor ziemlich genau einer Generation.

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen

Interessanterweise wurde der Kreuzchor unter der Leitung des damaligen Kreuzkantors Roderich Kreile übrigens bereits von einem Alte-Musik-Ensemble, der Akademie für Alte Musik Berlin, begleitet. Auch diesmal waren weder der ständige Partner Dresdner Philharmonie dabei noch die eigentlich vorgesehene Sächsische Staatskapelle. Letztere konnte den Termin wegen ihrer Asien-Reise nicht wahrnehmen, so entschied sich Kreuzkantor Martin Lehmann für das Dresdner Festspielorchester, das sich ein viertel Jahr vor den Dresdner Musikfestspielen schon einmal in Form bringen konnte. (Im Mai und Juni sowie zu den Gastkonzerten stehen dann allerdings wieder die Wagner-Aufführungen im Mittelpunkt. Das Ring-Projekt ist im vierten Jahr bei der »Götterdämmerung« angelangt.)

Kurz vor Beginn mußte Martin Lehmann allerdings noch eine Absage verkraften – Eric Stokloßa gab krankheitsbedingt den Staffelstab der wichtigen Tenorpartie an Daniel Johannsen weiter. Im Basso continuo konnte sich der Kreuzchor dagegen auf bewährte Kräfte verlassen (Cembalo: Kreuzorganist Holger Gehring, Continuoorgel: Sebastian Knebel, Laute: Stefan Maass).

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen

Auch in diesem Jahr begann das Konzert, das im Gedenken der Zerstörung Dresdens in den Nächten zwischen 13. und 15. Februar 1945 steht, mit Rudolf Mauersbergers für den Kreuzchor geschriebenen Trauermotette »Wie liegt die Stadt so wüst«. Der Text aus den Klageliedern Jeremias (»… die Stadt, von der man sagt, sie sei die allerschönste …«) bezieht sich ursprünglich zwar nicht auf Dresden, erfuhr aber durch Mauersbergers Komposition eine Quasi-Neuverortung. Das Werk faßt die Beklemmung und Fassungslosigkeit über die Zerstörung (Kreuzkirche und Alumnat gehörten zu den betroffenen Gebäuden) und die Trauer um Angehörige und die Kruzianer, die bei den Angriffen ums Leben kamen, auf berührende Weise zusammen. Aus Dunkelheit drangen die Stimmen des Kreuzchores a cappella in die Kirche, fanden forciert zum Licht und verblieben doch im Moment des Klagens und der Andacht. Nicht nur für Dresdner, die mit dem Ort seit langem verbunden sind und die Tradition der Gedenkkonzerte kennen, war dies ein inniger Moment, sondern auch für viele Gäste.

Eigentlich passen die Trauermotette und Bachs großartige, festliche Messe gar nicht zusammen, weder in einem (vermuteten) Anlaß noch in Tonart oder Stimmung. Doch einen »Bruch« gab es für das Konzertpublikum nicht, denn wie immer stand zwischen den beiden Teilen des Gedenkkonzerts das Läuten der Kirchenglocken, die damit auch beide Werke verbanden.

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen

Wie anders war doch der Eindruck dieser h-Moll-Messe! An die Trauer schloß sich eine Fuge (Kyrie Eleison) an, deren Spannkraft von den Sopranem bis zu den Bässen immer weiter zu wachsen schien. Das eingeschobene Christe Eleison sorgte für einen ersten Ruhemoment und offenbarte die im Charakter sehr unterschiedlichen Soprane der Solistinnen Miriam Feuersinger und Hanna Zumsande, wobei die erste nicht nur durchsetzungsfähiger war, sondern auch leuchtkräftiger. Hanna Zumsandes zwar schöne Milde schien im Vergleich (vor allem im weiten Kirchenraum) letztlich deutlich matter. Der Dresdner Kreuzchor als Hauptakteur ließ den Lobpreis des Gloria in excelsis Deo strahlen, gleich darauf traten die einzelnen Stimmen, besonders Soprane, in geschlossenen Gruppen hervor.

Das Dresdner Festspielorchester war ein wichtiger Begleiter, der Martin Lehmanns Dirigat mehr als willig folgte. So waren immer wieder die Soli bzw. Duette, wie von Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki mit Hanna Zumsande, ausgesprochen schön gestaltet (»Laudamus te«). Daß die Kombination des Alt von Marie Henriette Reinhold mit der Solooboe von Xenia Löffler im Grunde als »sichere Bank« gelten kann, war abzusehen, doch wie kantabel und geschmeidig das Duett ausfiel, beeindruckte wieder von neuem! Gleich auf das gemeinsam vorgetragene »Qui sedes ad dextram sanctus« steigerten Bassist Tobias Berndt und Stephan Katte diesen Eindruck noch – Stephan Katte blies ein bemerkenswert sauberes, superbes Naturhorn!

Martin Lehmann nutzte solche Gegebenheiten, um zum Beispiel den Schlußton der Bläser gediegen ausklingen zu lassen (Ende Teil 1). Im zweiten (Credo) wurden Trauermomente deutlich, als Bachs Messe im Gestus zwischen Requiem und Passion wandelte. Auch dabei setzte Martin Lehmann ganz bewußt gestalterische Ausrufungszeichen, wie das durch den Kreuzchor dargestellte Crucifixus etiam pro nobis. Hier erfuhr das Werk nicht nur einen momentanen Kontrast, der Verlauf trug insgesamt zur Spannung bei.

Da hätte sich der Rezensent, der noch in einem Abenddienst verpflichtet war, gewünscht, zumindest das Sanctus noch zu hören, was sich aber als nicht günstig erwies (die Stimmpause davor war leider der Moment des Wechsels). Bis dahin hatte Einspringer Daniel Johannsen aber bereits seine klare Diktion erneut unter Beweis gestellt. Glücklicherweise hatten die NMB ein paar »Zuträgerohren« in der Kreuzkirche gelassen, die übereinstimmend den freien und besonders berührenden Vortrag (ohne Noten) von Daniel Johannsen im Benedictus lobten, zu dem sich ein weiteres Solo aus dem Orchester (Flöte: Aaron Dan) gesellt hatte.

8. Februar 2026 | Wolfram Quellmalz | NMB | „Ein Fest in h-Moll“

Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores 2026, Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe (c) Martin Jehnichen