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„Ausflug ins Baltikum“ | Dresdner Motettenchor in der Vesper am 15.11.2025


18. November 2025

„Vesper in der Kreuzkirche mit dem Dresdner Motettenchor: Das Kirchenjahr neigt sich seinem Ende zu und so nehmen die Gedanken an die letzten Dinge des Lebens, Tod und Vergänglichkeit immer mehr Raum ein. Das gilt auch für die sehr stille Vesper in der Dresdner Kreuzkirche, die wieder einmal dem Dresdner Motettenchor unter Matthias Jung übertragen worden war.

In den Jahren hat sich ein fest gefügtes Ensemble etabliert, homogen, gut ausbalanciert und auf eine hoch stehende Klangkultur bedacht. Vor allem zeichnet den Kammerchor eine ganz individuelle Ausdruckkraft aus. Dazu kommt die Werkauswahl. Was Matthias Jung hier in den allermeisten Fällen an Seltenheiten ausgräbt und sinnfällig zusammenstellt, lässt aufhorchen und gespannte Neugier aufs nächste Mal entstehen.

Vesper in der Kreuzkirche mit dem Dresdner Motettenchor

In der Vesper stand besonders ein musikalischer Ausflug ins Baltikum im Mittelpunkt. Anlässlich des 90. Geburtstags des großen Esten Arvo Pärt wählte Jung dessen lateinisches Friedensgebet „Da pacem Domine“ aus, welches dieser 2004 für Jordi Savall schrieb. Gar sanft und bedachtsam näherte sich ihm der Dresdner Motettenchor und führte die Gemeinde mit Nachdruck in jene magische, fast bewegungslose Welt aus langgehaltenen Tönen. Karg und aufs ausdrucksmäßig wesentliche beschränkt sang man den knappen Satz „Drei Hirtenkinder von Fátima“.

Cyrilles Kreek war ein Landsmann Arvo Pärts, spätromantisch in seiner Tonsprache und oft volksliedhafte Sakralmusik verwendend. Zeugnis davon gibt etwa der 1914 entstandene, tief religiöse Lobgesang „Taaveti laul“, der hier sehr eindringlich und schnörkellos zu Gehör kam. Dritter im Bunde war der Lette Peteris Vasks mit dem 1991 entstandenen „Pater noster“. Der Dresdner Motettenchor sang es so minimalistisch in den Mitteln und dadurch eindringlich, wie es wohl gedacht ist.

Dresdner Motettenchor
Dresdner Motettenchor

Ein Zeichen für seine stilistische Vielseitigkeit setzte der Chor unter anderem mit Anthems aus Henry Purcells Begräbnismusik für die 1694 gestorbene Queen Mary. Die Interpretation wirkte gar nicht pompös, sondern berührte mit ihrer intensiven Gestaltung, Differenzierungskunst und Konturenschärfe.

Die klangfüllige, wunderschöne Wiedergabe von Gottfried August Homilius‘ Einladung „Invoca me“ blieb ebenso im Ohr wie Schütz‘ sechsstimmiger Satz „Herr, nun lässest du deinen Diener“, der wegen seiner zurückgenommenen, sensiblen Deutung seine Wirkung nicht verfehlte.

Bleibt Bach, diesmal der Onkel Johann Michael, von dem der spätere Thomaskantor seinen ersten musikalischen Unterricht erhielt. In seiner doppelchörigen Motette „Halt, was du hast“ sind der titelgebende Satz mit dem alten Choral „Jesu, meine Freude“ kunstvoll verschränkt. Vielleicht hätte das Klangbild des Chores dabei ausgewogener sein können, waren auch Defizite in der Textbehandlung zu verzeichnen (was für die ganze Vesper gilt). Alles in allem freute man sich aber über die feinfühlige, ausdrucksstarke Auseinandersetzung.“

17.11.2025 | DNN Kultur | Mareile Hanns | „Ausflug ins Baltikum“

"Ausflug ins Baltikum" | Dresdner Motettenchor in der Vesper am 15.11.2025 1
dresdner motettenchor in der Kreuzkirche Dresden

„Klangvoll in Richtung Jahresende“

„Für den Vorabend des vorletzten Sonntages im Kirchenjahr hatte sich Matthias Jung ein Programm über die Jahrhunderte ersonnen, das bis ins 17. Jahrhundert, nach England und Estland reichte, aber auch unsere Zeit und das Haus der Dresdner Kreuzkirche berührte.

Gottfried August Homilius war im 18. Jahrhundert Kreuzkantor und ist seit einigen Jahren immer wieder in den Vesperprogrammen zu erleben. Sein knappes Invoca me erweckte im Vergleich einen viel moderneren Eindruck, als man den Lebensdaten des Komponisten nach vielleicht erwartet haben würde, zudem präsentierte sich der dresdner motettenchor wieder einmal ungemein stark und schien weit im Klang.

dresdner motettenchor in der Kreuzvesper

Zwei Psalmvertonungen von Cyrillus Kreek sorgten für thematisch benachbarte, im Eindruck jedoch unterschiedliche Beiträge: »Kiida, mu hing, Issandat« (Lobe den Herrn, meine Seele) barg nordische Weite und schwebendem Klang, der im Verlauf dichter und kraftvoll bis zum »Amen« wuchs. »Issand, ma hüüan Su poole« (Herr, ich rufe zu die«, ebenfalls aus der Sammlung 4 Taaveti laulu von 1923) hatte eine deutlich rufendere Gestalt auch in den Stimmen. Besondere Wirkung erzielten die Soprane mit ihren Betonungen und bewußt über den anderen Stimmen liegenden Zeilen.

KMD i. R. Thomas Meyer hatte bereits zum Anfang der Vesper thematisch mit einer Fuge den Einzug bereitet. Nun schöpfte er aus dem großartigen Œuvre Georg Muffats und präsentierte perlende Orgelklänge. Die Toccata nona war um viele Register von Holzbläsern bereichert, während die Toccata decima (beide aus dem Apparatus musico-organisticus) mit vollem Spiel und einer filigranen Stimmführung im Mittelteil beeindruckte.

dresdner motettenchor, Heinrich Schütz Musikfest
dresdner motettenchor in der Kreuzkirche Dresden

Der dresdner motettenchor wanderte indes weiter, zunächst mit zwei Titeln von Arvo Pärt, um dessen 90. Geburtstag in diesem Jahr noch einmal zu würdigen: Da pacem Domine wog jeden Ton und jede Silbe auf, während »Drei Hirtenkinder von Fátima« mit einem Wellenrhythmus eine besondere Belebung erfuhr.

Die vielleicht schönste Wirkung erzielten zwei ältere Stücke: Johann Michael Bachs »Halt, was du hast«, nun mit Begleitung der Continuo-Orgel, war mit seinem geteilten Chor für Strophentext und Choral eine Bereicherung, nicht nur, wenn man es mit der Motette »Jesu, meine Freude« (BWV 227) des Großneffen Johann Sebastian verglich. Die weitverzweigte Bach-Familie hat ein reiches Werk hinterlassen, das man nicht auf einen reduzieren darf und welches sich gerade über den Gesang immer wieder beglückend erfahren läßt, so wie hier!

Henry Purcells »Funeral music of Queen Mary« (in Auszügen) stand dem kaum nach. Es erzielte seine Wirkung nicht durch die Verflechtungen von Choralzeilen, sondern durch Betonung und Gewicht einzelner Worte, und sei es »My Lord« als hingebungsvolle Anrede.

Nach dem Wort zum Sonntag (Pfarrer i. R. Dr. Michael Führer) und dem Gemeindelied (EG 149 »Es ist gewißlich an der Zeit«) beeindruckte aber auch Pēteris Vasks Pater noster anstelle der gesprochenen Formel nicht wenig. Mit »Herr, nun lässest du deinen Diener« (SWV 433) von Heinrich Schütz wurde die Kreuzkirche noch einmal vom überraschend großen Chorklang des dresdner motettenchores ausgefüllt.“

16. November 2025 | NMB | Wolfram Quellmalz | „Klangvoll in Richtung Jahresende“

Dresdner Motettenchor, Heinrich Schütz Musikfest
Dresdner Motettenchor in der Kreuzkirche Dresden