
„Wie ein Geschenk – Erste Kreuzchorvesper im neuen Schuljahr“ | 23.08.2025
28. August 2025
„Es ist nun schon das vierte Schuljahr von Kreuzkantor Martin Lehmann – langsam gewöhnt man sich an den frischen Wind, mit dem der Dresdner Kreuzchor in jedem August wieder neu beginnt. Auch in diesem Jahr gibt es eine neue vierte Klasse – mit 24 Knaben ist sie nicht nur vollbesetzt, der Kreuzchor konnte sogar auswählen. Andere Knabenchöre tun sich mitunter schwerer und müssen Nachwuchs suchen, finden weniger als erhofft. Ganz offensichtlich machen sich beim Dresdner Kreuzchor bereits die sechs auf dem Land eingerichteten »Singschulen« zur Nachwuchssichtung und -förderung bewährt.
Die 24 neuen Sänger wurden am Sonnabend feierlich aufgenommen – drei von ihnen heißen Anton, ein anderer hatte eine besonders lange Anreise: Otto kommt aus Mecklenburg Vorpommern.
Erste Kreuzchorvesper nach der Sommerpause
Und auch das ist so neu wie mittlerweile bewährt: Nach Wilfried Krätzschmar, Agnes Ponizil und Jan Arvid Prée gibt es einen neuen Komponisten, der dem Kreuzchor Introitus für die Sonn- und Feiertage, für die solch ein Eingangsstück noch nicht existiert, schreibt. In diesem Schuljahr ist es wieder eine Komponistin. Noch wichtiger: Mit Diana Čemerytė ist es erstmals niemand mit explizitem Dresdner Bezug. Die Lettin ist in der baltischen Tradition aufgewachsen, steht aber vor allem für ein klares Wortverständnis.
Nach der ersten Schulwoche gab es gleich die erste von drei Uraufführungen ihrer Werke: der Introitus für den 10. Sonntag nach Trinitatis, von Vokalen getragen, enthielt wohl eine nordische Weite, blieb aber mit seinen wunderbar ausgeformten »O« und den zwischen den Teilchören hin und her fließenden Worten klar bei der Botschaft des Psalmtextes (Vers 6 bis 9 aus Psalm 122). Mit der Schluß- bzw. Bekenntnisformel (»Ehre sei dem Vater …«) fanden die Teilchöre rechts und links mit auf- bzw. absteigendem Motivverlauf zu einer Symbiose bzw. lebendigen Verbindung im Glauben oder im religiösen Zusammenhang von Himmel und Erde.

War bei den Werken der Vorgänger oft eine intellektuelle Fokussierung und Dramaturgie zu spüren, gab dieser erste Introitus von Diana Čemerytė eine Kostprobe eher sinnlicher Art. Auf Nachfrage, ob sie sich bewußt der Tradition des Kreuzchores zugewandt habe oder einen baltischen Klang wie ein Geschenk mitbrächte, sagte die Komponistin, daß keines von beiden zuträfe. Zwar würde sie die Stimmen eines Knabenchores berücksichtigen (also vor allem den Unterschied zwischen Knaben- und Frauenstimmen in einem gemischten Chor), sonst aber wende sie sich beim Komponieren vor allem dem Text und dessen Auslegung zu.
Wie vielschichtig dies bereits gelang, machte der Unterschied zu Felix Mendelssohns »Denn er hat seinen Engeln befohlen« deutlich. Der zarte, romantische Engelschor fand in Anton Bruckners Graduale »Os justi« mit anschwellendem, fast körperhaftem Klang eine sinnliche Fortsetzung.
Nach dem Wort zum Sonntag (Superintendent Christian Behr) und Gemeindegesang (EG 290 »Nun danket alle Gott«) hatte Kreuzorganist Holger Gehring ein besonderes Schmuckstück auf die große Jehmlich-Orgel geholt: Georg Muffats Toccata septima begann in einem sonnigen Glitzern im frohen Aufwärts, an das sich ein dunkler schimmernder Mittelteil anschloß, der aber fallendes Sternenlicht einzuschließen ließ. Die Lichtreflexe, die hier hörbar wurden, führten in ein großartiges fugiertes Finale, das architektonische Pracht entfaltete.
Zwei Werke Andreas Hammerschmidts schlossen nicht nur die Begrüßung und Aufnahme der neuen Kruzianer ein, sie gaben außerdem einen Ausblick auf manches, was kommt. Denn neben der Traditionspflege, sich neuen Werken und Uraufführungen zu widmen, wendet sich der Kreuzchor immer wieder älteren Chorwerken zu, solchen von früheren Kreuzkantoren oder mit anderen Berührungspunkten. Hammerschmidt, einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit, wirkte in Zittau an St. Johannis und war mit Heinrich Schütz befreundet.
Neben einem Festkonzert am Reformationstag, das auf den 350.Todestag Andreas Hammerschmidts hinweist, wird es auch in den Kreuzvespern immer wieder Werke des gebürtigen Brüxers geben. »Der Herr ist mein Hirte« (Nr. 18 aus Musicalischer Andachten Vierdter Theil, 1646) und die Motette »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz« (aus »Sechs Stimmige Fest- und Zeit-Andachten«, 1671), von Chordirigent Sebastian Herrmann an der kleinen Wegscheider-Orgel begleitet, gaben einen ersten Ausblick in die großartige Klangwelt Andreas Hammerschmidts: während die Musikalische Andacht – mit unterschiedlichen Teilchören wie im Introitus – mit ruhiger Kraft wuchs, hatte die Motette etwas direkt ansprechendes, unmittelbar zu Herzen gehendes!
Das Abendlied (»Bleib bei uns«) von Josef Rheinberger war der schöne Ausklang eines gelungenen Auftaktes.“
26. August 2025 | Wolfram Quellmalz | NMB | „Wie ein Geschenk“
